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Anläßlich der Verleihung des Victo-Gollancz-Menschenrechtspreises
Rede von Tilman Zülch
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05. Juni 2005
Göttingen, in der Aula der Universität Göttingen

Sehr geehrter Herr Kowaljow,
sehr geehrter Herr Djemilev,
sehr geehrte Frau Steinbach,
sehr geehrter Herr Horacek,
liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

jeweils anlässlich der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft für bedrohte Völker International verleiht unsere Menschenrechtsorganisation den Victor-Gollancz Preis. Mit ihm werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich auf außerordentliche Weise für bedrohte ethnische und religiöse Gemeinschaften eingesetzt haben.

Victor Gollancz wandte sich als Verleger, Autor, Organisator und Redner bereits 1933 gegen die Verbrechen des 3. Reiches, führte Kampagnen gegen Hunger und Armut, gegen die Todesstrafe für Völkerverständigung und wandte sich 1945 gegen die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten Deutschlands, dem Sudetenland und Osteuropa. Er initiierte nach Kriegsende eine Luftbrücke für Flüchtlinge und Vertriebene.

Bereits 1933 dokumentierte er mit seinem "Braunbuch" von Hitler-Terror die ersten Stadien der nationalsozialistischen Schreckenherrschaft und belebte sie mit solcher Fülle von Dokumenten und Fotografien, das es kein Ableugnen hätte geben dürfen. Dennoch wandten sich konservative britische Zeitungen gegen den Humanisten. Eine von ihnen schrieb: "Jetzt ist uns Mr. Hitler lieber, als Mr. Gollancz".

Dies war der Beginn von einer langen Reihe von Büchern über Faschismus und Nationalsozialismus, die in seiner Buchgemeinschaft mit damals bereits 50 000 Abonnenten in Großbritannien große Verbreitung fanden. Darunter die Dokumentensammlung "Der gelbe Fleck". In dem letzten dieser Bücher "Lasst man Volk ziehen", schilderte der jüdisch-britische Autor, dessen Familie ursprünglich aus Polen stammte, über das Nichtwissenwollen der großer Teile der britischen Öffentlichkeit: "Ich hatte gehofft, dass Gewissen der Nation aufzurütteln". Und durch den Druck der Öffentlichen Meinung bestimmte praktische Maßnahmen zu erwirken, um wenigstens einen kleinen Teil dieser Opfer zu retten bevor es zu spät war. Dieser Versuch misslang. Wir wissen jetzt, dass ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung der Erde mit allen Mitteln des Schreckens schändlich ausgerottet ist. Wer wissen will, wie das vor sich ging, der lese diese Stelle aus dem Brief eines polnischen Kindes: "Nun muss ich Euch lebe Wohl sagen, morgen kommt Mutter in die Gaskammer und ich werde in einen Schacht hinuntergeworfen". Und Gollancz fährt fort sich an die britischen Leser wendend: "Nein, niemand kann behaupten, er habe nichts gewusst, und nun frage Dich selbst, Leser, was hast Du dagegen unternommen? – nichts – warum? Weil es Dich nichts anging".

Genau diese Fragen stellen wir uns in Deutschland bis heute, aber der Humanist Victor Gollancz wandte sich schon 1945 neuen, diesmal deutschen Opfern zu. Jetzt klagte er die Verbrechen an den besiegten Deutschen an. "Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande all derer im Gedächtnis bleiben, die Sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme sondern mit dem denkbar höchsten Maß von Brutalität".
In seinem bewegendem Buch "Our Threatened Values", das 1946 in London und 1947 unter dem Titel "Unser bedrohtes Erbe" in deutscher Sprache in Zürich erschien, schilderte Gollancz die Situation sudetendeutscher Häftlinge in einem tschechischen KZ: "Sie lebten ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter, in Hütten zusammenpfercht… sie waren im Alter von 4 bis zu 80 Jahren. Jeder sah verhungert aus… den empörenden Anblick boten die Babys… Nah dabei stand eine andere Mutter mit einem eingeschrumpften Bündel von Haut und Knochen in den Armen. An zwei Schlafstellen lagen zwei alte Frauen wie tot. Erst bei näherem Zusehen entdeckte man, dass sie noch leise atmeten. Sie waren wie jene Babys, vor Hunger am Sterben.

Die Berichte von Gollancz lösen eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Aus allen Teilen Großbritanniens erreichten ihn Hilfsangebote. Über seine Kampagnen und seine Kritik wurde ausführlich berichtet. Die traditionelle britische Toleranz, gewachsen in Jahrhunderten, bewährte sich einmal mehr.

So organisierte Gollancz die Kampagne für eine humane Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung, organisierte eine Luftbrücke mit Hilfspaketen und Büchersendungen nach Deutschland und andere von dem Krieg verwüstete europäische Länder. Bei der Lenkung unserer Hilfsorganisation, sollte nicht, aber auch nichts anderes ausschlaggebend sein, als der Grat der Not". Das massive Engagement von Gollancz, im Verein mit anderen britischen Persönlichkeiten, führte im Dezember 1946 eineinhalb Jahre nach Kriegsende dazu, dass die britische Regierung das Verbot Lebensmittelpakete nach Deutschland zu senden, aufhob und sich allmählich eine Politik der Versöhnung durchsetzte.

Im Namen der Menschlichkeit und der Demokratie hat sich Gollancz immer wieder gegen nationalistische Entgleisungen gewandt. Wir wollen uns völlig klar darüber sein, dass der Nationalismus ein Laster ist. Wir meinen mit Nationalismus jede übergebührliche Betonung der Nationalität… Der Nationalismus ist ein Laster, weil er sein Augenmerk auf vergleichsweise belanglose Dinge lenkt… und dabei das Wesentliche übersieht, das einfach darin besteht, dass er (jeder Mensch) ein Mensch ist. …. Was macht es schon aus, dass ich Englisch spreche und jemand anders Deutsch, dass meine Haut weiß ist und die eines Negers schwarz ist, dass ich Jude bin und mein Nachbar anderen Glaubens ….. Lasst uns denn im Namen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes diese Unterschiede vergessen, damit wir uns unseres gemeinsamen Menscheseins erinnern".

Als Menschenrechtler können wir von Victor Gollancz lernen: Das bloße Beklagen vergangener Verbrechen ändert gar nichts. Die Opfer des Holocaust und anderer Völkermordverbrechen können wir nicht wieder lebendig machen. Das Vermächtnis ihres Leides muss für uns heißen, heute, immer und überall an Leib und Leben bedrohten Menschen zu Hilfe zu kommen.

Und wir können auch lernen, dass es universelle Maßstäbe für die Beurteilung von Kriegsverbrechen und Genozid gibt, geben muss. Sie gelten für alle Untaten ohne Ausnahme. Das sind Prinzipien, nach dem seit Jahrzehnten Menschenrechtsorganisation wie die Gesellschaft für bedrohte Völker ihre Arbeit tun. Nach eben diesen Prinzipien urteilen auch die neuen Tribunale in Den Haag für Bosnien und in Arusha für Ruanda. Sie sind die ersten Bausteine für internationale Rechtsstaatlichkeit. Es ist sinnlos und auch bösartig Kriegsverbrechen, Genozid, Vertreibung zu verdrängen, zu tabuisieren, zu verschweigen oder gegen andere Verbrechen aufzurechnen. Wenn man Tausende von Menschen, nach dem Krieg in der SBZ oder vor 10 Jahren in Bosnien in Lager sperrt und tausende von ihnen durch Hunger, Krankheiten oder Folter liquidiert, müssen diese Lager Konzentrationslager genannt werden. Und es ist traurig genug, dass es in Deutschland eine intellektuelle Schule unter Vergangenheitsbewältigern gibt, die Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart verharmlosen.

Victor Gollancz hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten, Schulen und Straßen wurden nach ihm benannt, er wurde vielen Menschen zum Vorbild und er wurde zum Symbol deutsch-britischer Aussöhnung.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat sich seit ihrer Gründung bemüht auf keinem Auge blind zu sein, alle Verbrechen an ethnischen und religiösen Gemeinschaften, an Minderheiten und indigenen Völkern zu verurteilen und nach Möglichkeit auch zu bekämpfen.

Bereits in den 70-ern, als wir uns für die Opfer der Apartheid in Südafrika, für die irakischen Kurden einsetzten und den Völkermord an den Südsudanesen bekannt machten, haben wir gleichzeitig Brief und Postkartenaktionen für die krimtatarischen, baltischen, jüdischen, wolgadeutschen und ukrainischen Dissidenten in der Sowjetunion unternommen. Selbstverständlich wurden diese Initiativen von vielen in der progressiven Bewegung als reaktionär und revanchistisch dargestellt.

Seither haben wir den Kampf der Bürgerrechts- und Rückkehrbewegung der Krimtataren verfolgt und immer wieder unterstützt. 17 Jahre hat Mustafa Djemilev in Lagern und Haftanstalten verbracht. Heute, nach der Rückkehr von zwei Dritteln seines Volkes in die Heimat auf der Krim Halbinsel, engagiert sich der langjährige Menschenrechtler in der demokratischen orangen Bewegung der Ukraine. Wir freuen uns, dass Erika Steinbach, einer der beiden Vorsitzenden des Zentrums gegen Vertreibung die Laudatio für Djemilev halten wird. Während und nach der Deportation nach Zentralasien kamen bis zu 44 % der Krimtataren ums Leben.

Während sich in der Ukraine demokratische Prinzipien durchsetzen, erlebt Russland auf tragische Weise den kontinuierlichen Rückfall in autoritäre, sowjetische Traditionen. Stalindenkmäler werden wieder aufgestellt, Minderheiten diskriminiert, der Antisemitismus wird gefördert, der Völkermord in Tschetschenien fortgesetzt. Sergej Kowaljow, langjähriger Freund von …, ist heute der bekannteste russische Menschenrechtler, der sich dieser Entwicklung entgegenstellt, jedes Unrecht konsequent geisselt, und sich unermüdlich für die tschetschenischen Opfer einsetzt. Wir schätzen nicht zu letzt an ihm, dass er auch die Mitverantwortung der amtierenden Bundesregierung an den furchtbaren Krieg in Tschetschenien offen anspricht, einem Krieg und Genozid, den bisher 200 000 tschetschenischer Kinder, Frauen und Männer mit ihrem Leben bezahlen mussten. Wir meinen, dass Sergej Kowaljow in vielem an die Persönlichkeit von Victor Gollancz erinnert.

Milan Horacek ist prädestiniert über den Freund Sergej Kowaljow zu sprechen. Am Freitag bezeichnete die Neue Züricher Zeitung den Europaabgeordneten für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt als Urgestein der Grünen, der schon mit den Freunden Rudi Dutschke und Petra Kelly für Demokratie, Ökologie und Menschenrechte eingetreten ist. Als Dissident aus der Tschechoslowakei, als einer der unbestechlichen Aktiven des Prager Frühlings wird Milan Horacek nicht nur von Menschenrechtsorganisationen anerkannt und geschätzt
Abschließend möchte ich kurz die früheren Preisträger des Victor Gollancz Preises nennen: Es sind der Verband der ehemaligen weiblichen Häftlinge der serbischen Vergewaltigungslagern, die Witwen des Barzanteils im heutigen irakischen Bundesstaat Kurdistan, die Mütterbewegung von Srebrenica und die tschetschenischen Menschenrechtlerinnen Sainap Gaschajewa und Lipkan Basajewa.
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